„Wohnraum für alle!“ - Demo in Würzburg gegen teure Mieten! (7. LockDownCapitalism)

Am Samstagnachmittag demonstrierten 40 Menschen gegen die Wohnpolitik in Würzburg. Die Demonstrierenden thematisierten die Gentrifizierung des Dencklerblocks, die Macht großer Wohnkonzerne wie Dawonia und das Sterben kultureller Orte wie der Posthalle. Sie fordern mehr Wohnraum für die breite Bevölkerung und ärmere Menschen.
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Zum Auftakt erklärte der Anmelder, wieso erst kurzfristig zur Demonstration mobilisiert werden konnte. Die Stadt Würzburg hatte die angemeldete Route in die Zellerau nicht genehmigt. In der Auftaktrede thematisierte ein Redner die Gentrifizierung des Dencklerblocks. Gentrifizierung beschreibt einen Prozess der Stadtentwicklung, nach dem idealtypisch ehemalige Arbeiter:innenviertel aufgrund niedriger Mieten zunächst Künstler:innen und Student:innen anziehen, [2/x]

die Viertel werden dadurch schick und anziehender für Menschen mit großem Geldbeutel. Schließlich steigen die Mietpreise so drastisch an, dass die ursprüngliche Bevölkerung aus ihrem Viertel vertrieben wird. Ein Phänomen, das in Berlin-Kreuzberg und im Hamburger Schanzenviertel auftaucht, beobachtet man nun in der Zellerau.
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Der Redner sieht wie diese Entwicklung nun die beiden Denckler-Blöcke betrifft: „Nachdem der Block über Jahrzehnte „kaputt besessen“ wurde, ist mit der Sanierung eine neue Zeit angebrochen. Weiße statt bunte Fassanden, metallisch umantelte statt gemauerte Kaminschlote, handelsübliche Dachziegel statt die alten Bieberschwanzziegel, die zum fränkischen Kulturgut gehören. [4/x]

Dazu Kameras an der Außenseite des Gebäudes und in den Treppenhäusern“. Dadurch gehe „das Erscheinungsbild mit seinem würzburgweiten Kultstatus verloren“. Am Zustand der undichten Rohre, der maroden Elektronik oder der Fenster ändere sich allerdings nichts.Wer den Investor kritisiert werde schickaniert durch Abmahnungen, Kündigungen oder sogar das Anbringen von Gittern vor den Fenstern.
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„Auch wenn die Verdrängung der Bewohner:innen ein Ergebnis der kapitalistischen Verwertung darstellt, ist es eine politische Entscheidung diesen Prozess hinzunehmen oder sogar zu unterstützen“, so der Redner. Er forderte: „Es wird Zeit, dass sich die Stadtentwicklung endlich an den Bedürfnissen der Bewohner:innen orientiert!“.
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Die Demonstration zog nach halbstündiger Auftaktkundgebung durch die volle Würzburger Innenstadt. Mit lauten Parolen, wie „Wohnraum für alle und zwar umsonst“, „Anticapitalista“ und „Make the rich pay for Covid19“ ging es über Kaiserstraße, Theaterstraße, Eichhornstraße, Juliuspromenade, Karmelitenstraße und Domstraße zum Unteren Markt. Dort fand die Abschlusskundgebung statt.
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Zunächst sprach ein Vertreter der Initiative „Posthalle retten“. Er kritisierte, dass der geplante Abriss der Posthalle einen großen Verlust für das kulturelle Leben der Stadt bedeuten werde. „Das Areal der Posthalle hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen kulturellen und auch soziale Hotspot in Würzburg entwickelt“, sagte der Redner. In zentraler Lage sei eine „bunte Vielfalt an Kreativität und Veranstaltungen“ entstanden. [8/x]

Dies sei nicht aus den Planungskonserven irgendwelcher Stadtplaner entstanden, sondern durch „Menschen mit Ideen“. Über 200.000 Menschen besuchten pro Jahr alleine die Bühne der Posthalle. Zudem fänden dort viele andere Aktivitäten wie „Lasertag, 3D-Minigolf, Crossfit und Poledance“ einen Ort. Ganz wichtig, sei natürlich auch „das Immerhin mit seiner Bar und kleinen Bühne“. [9/x]

„All diese Menschen, Verrückten, Kreative und Sportler:innen, die soviel für Würzburg und zum gesellschaftlichen Leben der Stadt beigetragen haben, stehen aktuell vor dem Aus“, befürchtet der Redner der Initiative „Posthalle retten“.

An der Stelle der Posthalle sollen teure Wohnungen entstehen. Das Projekt eines Großinvestors schimpft sich „Bismarck-Quartier“. „Diese Wohnungen werden aber in Würzburg nicht nachgefragt“, kritisiert der Redner. [10/x]

Denn die Würzburger Bevölkerung habe eine stark unterdurchschnittliche Kaufkraft und könne sich teure Wohnungen nicht leisten. Er ging auf den Abriss des Platzschen Gartens ein. Das historische Areal wurde platt gemacht, um 93 Neubau-Eigentumswohnungen zu errichten, zu Kaufpreisen von 3.370 – 4.630 Euro pro Quadratmeter. Die Errichtung des Studentenwohnheims „522“ an der Grombühlbrücke sei ebenfalls keine Entlastung für die Mieter:innen gewesen. [11/x]

Dort bezahlten die Leute bis zu 460 Euro Kaltmiete für ein kleines Appartement. Ähnlich werde auch die Errichtung des „Bismarck-Quartiers“ laufen. Anstelle der Posthalle solle dort Wohnraum für „den gut verdienenden Pendler aus Frankfurt“ geschaffen werden. Der Redner machte auf die Initiative für ein Soziokulturelles Zentrum in Würzburg aufmerksam. Die Initiative fordert seit Jahren ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in Würzburg.
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Im Anschluss sprach eine Vertreterin der Jungen BAU Mainfranken und stellte zunächst die IG BAU vor. Sie thematisierte, dass die Immobiliensparte des Auktionshauses Sotheby‘s nun in Würzburg einen Ableger eröffnet hat. Mit dem Ladenlokal in der Sterngasse erwartet sich der Luxusimmobilienverkäufer hohe Gewinne. Denn Mainfranken sei laut Sotheby‘s ein „Hidden Champion“ des Immobilienmarktes. [13/x]

„Immer mehr Wohnungen entstehen in einem Preissegment, das für Immobilienmakler:innen zwar attraktiv ist, dass sich die arbeitende Bevölkerung aber nicht mehr leisten kann“, kritisierte die Gewerkschafterin.

Steigende Mietpreise zwängen die Arbeiter:innen zum Pendeln, so die IG BAU in einer Pressemitteilung. Deswegen unterstützten die Kolleg:innen der Berliner Junge BAU das Volksbegehren „Deutsche Wohnen und Co enteignen“. [14/x]

„Wohnkonzerne wie, die „Deutsche Wohnen“, „Vonovia“ und in Bayern „Dawonia“ machen Milliardenprofite mit unserem grundlegenden Bedürfnis nach Wohnraum“. Abschließend sagte sie: „Die Wohnungen sollen keine Profite für Großkonzerne abwerfen, sondern in erster Linie muss sich Wohnpolitik an den Bedürfnissen aller Einwohner:innen orientieren – Ob in Bad Kissingen, Schweinfurt, Kitzingen, Würzburg, Aschaffenburg oder Berlin!“. [15/x]

Am offenen Mikrofon sprach ein „Mieter der Dawonia-Gruppe“. Er erinnerte an Markus Söders Move, die staatliche GBW Gruppe an den Immobilienkonzern Patrizia zu verhökern. Als damaliger Finanzminister verscherbelte Söder zehntausende staatliche Wohnungen, um die Bayerische Landesbank zu retten. Die BayernLB hatte sich bei der Übernahme der Hypo Alpe Adria verspekuliert. Der Mieter forderte Dawonia „rückzuenteignen“. Ein weiterer Mieter verwies aufs Grundgesetz, in dem steht [16/x]

„Eigentum verpflichtet!“. „Für Kohleabbau und Straßenbau werden täglich Menschen enteignet, aber wenn wir Enteignungen für Wohnraum fordern, werden wir von Konservativen aufs heftigste angegriffen“, sagte er.
Bei leichtem Regen ging d. mittlerweile 7. „LockDownCapitalism“-Demonstration zu Ende. Der Anmelder mobilisierte für die Würzburger Demo zum 18. März. Am Tag der politischen Gefangenen demonstrieren viele linke Gruppen unter dem Motto „Antifaschismus lässt sich nicht verbieten!“. [17/17]

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