Nicht nur in Würzburg demonstriert die rechtsoffene, verschwörungsideologische Mischung aus dem Querdenken-Spektrum, sondern auch im benachbarten Kitzingen protestierten am Sonntag hunderte Menschen gegen Impfungen, Masken und Tests. Antifaschist:innen hissten Banner gegen die Veranstaltung. Eine Demonstrantin des angeblich „friedlichen“ Marsches wurde von der Polizei abgeführt, da sie eine Fotografin angriff. 1/x

Etwa 240 Menschen waren einem Aufruf aus dem Querdenken-Spektrum gefolgt. Sie spazierten über zwei Stunden zu Musik von Xavier Naidoo und Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ durch Kitzingens Innenstadt. In fast jeder deutschen Stadt finden sich mittlerweile Menschen zusammen, die motiviert durch die Mobilisierungen von Querdenken, eigene Ortsgruppen gründen, um gegen Impfungen, Masken und Tests zu demonstrieren. Das Klientel organisiert sich u. a. via Telegram und ihre lokalen Ortsgruppen 2/x

tragen harmlos klingende Namen, wie z. B. „Eltern stehen auf“ oder der Kitzinger Ableger „Kitzingen geht gemeinsam“.

Ab 14 Uhr versammelten sich über 200 Menschen unterhalb der Kitzinger Mainbrücke. Mit Plastikherzen ausgestattet lauschten sie dem ersten Redner, der sich von „jeder extremistischen Gruppierung“ distanzierte. Gekommen waren neben „friedensbewegten besorgten Bürger:innen“, Qanon-Anhänger:innen, Parteiangehörige von AfD & NPD, Anhänger:innen der Würzburger „Eltern stehen auf“, 3/x

Esoteriker:innen und christliche Fundamentalist:innen. Nach außen propagierte man das Bild der „freien Menschen“ und „ganz normalen Bürger“. 4/x

Von Seiten der Organisation blieb es inhaltlich bis auf die Musikauswahl gemäßigt. Doch mit den Protesten zieht man doch deutlich jenes Klientel an, welches den Reichstag stürmte, sich mit Verschwörungspropaganda bereichert und das erst an diesem Wochenende u. a. in Dresden, Hannover, München, Düsseldorf und Berlin Polizist:innen, Gegendemonstrierende und Journalist:innen angegriffen hat. 5/x

Der Großteil der Kitzinger:innen glaubt wohl im Vergleich zur Kitzinger Initiative „Kitzingen geht gemeinsam“ nicht, dass das Coronavirus harmlos sei und das Masken, Impfungen und Tests schaden. Der Inzidenzwert in Kitzingen ist deutschlandweit einer der niedrigsten und lag lange unter 10. 6/x

Zwei Kitzinger:innen hissten Banner von der Mainbrücke. „Kitzi: Sars-Cov-Leugner Go Home“ und „Queer-denken statt Quer-denken“ war für die startenden Demonstrant:innen deutlich zu lesen. Über die Mainbrücke ging es durch die Innenstadt. Die Passant:innen reagierten kaum auf die Demo. Als die Demonstrierenden anfingen, „Frieden Freiheit keine Diktatur“ zu rufen, empörte sich ein Anwohner: „Ihr habt doch keinen Plan, was ne Diktatur überhaupt ist“. Einige schüttelten nur mit dem Kopf. 7/x

In den Liedern, die über Boxen abgespielt wurden, kam der Antisemitismus und Verschwörungswahn deutlich zum Vorschein. Xavier Naidoo lief ständig. Dies ist eine deutliche politische Positionierung, in Zeiten in denen Naidoo sich sogar zum Q-Anon-Kult bekennt. In einem abgespielten Rap-Song wurde der extrem rechte Verschwörungsideologe „Oliver Janich“ abgefeiert und eine „Hetze gegen Trump“ behauptet. Im poppigeren Lied „Deutschland zeig dein Gesicht“, welches in Kitzingen ebenfalls zu hören 8/x

war heißt es: „Sie sind Meister im Täuschen und Manipulieren - Ich frag' mich, wer verdient daran?“. Die Antwort auf die Frage lässt der Interpret offen. So funktioniert die verharmlosende Codierung von Antisemitismus. Weiter heißt es im Lied „Viele müssen einsam von uns gehen. Nur, weil Ihr etwas gefunden habt. Und uns erzählt das macht uns alle krank“. 9/x

Die Demo mit in der Spitze 240 Teilnehmer:innen zog durch die ganze Innenstadt, vorbei an Bahnhof und alter Synagoge ans Mainufer. Dort wetterte ein Redner gegen die PCR-Tests. Die berechtigte Kritik, dass Menschen die falsch-positiv getestet waren, nicht als solche von den Gesundheitsämtern eingestuft wurden, wurde allerdings nicht weiter ausgeführt. Stattdessen polterte der Redner per se gegen die PCR-Tests. 10/x

Paradoxerweise kritisierte er im nächsten Satz die Schnelltests, da sie Infektionen bei symptomfreien Menschen erkennen würden. Man empörte sich über die Maskendeals der CDU, als seien Korruption und Selbstbereicherung der CDU/CSU irgendetwas neues.

Auf dem letzten Abschnitt kam es zu einem Angriff einer Demonstrantin von „Kitzingen geht gemeinsam“. 11/x

Nach kurzer Behauptung, es sei illegal die Demonstration zu fotografieren, ging sie auf eine Fotografin vor den Augen zweier Polizist:innen los. Sie versuchte, ihr die Kamera zu entreißen und die Fotografin zu verletzen. Die Polizist:innen schritten ein und lösten die Angreiferin von der Fotografin. Die Frau ließ sich von mehreren Polizist:innen nur schwer beruhigen. Die Polizei musste andere Demonstrant:innen zurückhalten. Schließlich wurde die Angreiferin mit einem Begleiter abgeführt und 12/x

und musste zur Identitätsfeststellung auf die Wache.

Bei der anschließenden Abschlusskundgebung blieb es ruhig. Eine Rednerin schwafelte über Schwerkraft, Lebensfreude und Gleichgewicht.: „Mach dich frei und lass dich das Universum füllen“. Zudem kritisierte sie Schnelltests in Schulen, dass „die da oben uns unterdrücken“ und forderte alle auf im Chor „Wir sind frei“ zu rufen. 13/x

Wie die Schäfchen riefen die verbliebenen 150 Teilnehmer:innen: „Wir sind frei“. Danach schwafelte einer „Über uns steht nur der Herrgott“ und dass „uns bald die Augen aufgehen werden“. Als nächstes sprach „Harald aus Würzburg“: Er erzählte, dass sein Opa ihn immer vor einer Inflation gewarnt hatte und dass er 92 Jahre alt geworden ist ohne sich oft hat impfen zu lassen. Mit diesen skurrilen Reden endete die mittlerweile zweite größere Kitzinger Corona-Demo. 14/x

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